Evangelische Kirchengemeinde
 Höhr-Grenzhausen

 

Glaube konkret


Liebe Leserinnen
                 und Leser,

es ist Lutherjahr! Und viele Veranstaltungen gibt es auch, informative, nachdenkliche,  historische und solche mit Event-Charakter. Bei allem frage ich mich, worin seine Bedeutung für uns heute besteht.
 
Was hat uns Luther heute zu sagen?
Der Ausgangspunkt der Reformation war Luthers Kritik am Ablasshandel. Aber den gibt es heute doch längst nicht mehr, und das ist gut so. Reformation bedeutet Neugestaltung. Und natürlich ist die Kirche beständig dabei, sich zu reformieren. Doch mit den vielen heutigen Verbesserungsvorschlägen oder Verwaltungsreformen wie der Dekanatszusammenlegung hat Luther wenig zu tun. Damals ging es Luther um die Grundlagen des Glaubens und des Lebens.

Werfen wir also einen Blick auf Luther und seine Zeit.
Luthers Zeit war von Umbrüchen geprägt. Es gab viele Erfindungen und ein neues Weltbild kam auf. So lehrte Nikolaus Kopernikus, dass die Erde eine Kugel und keine Scheibe ist und außerdem um die Sonne kreist, also nicht als Mittelpunkt der Welt angesehen werden kann. Viele Menschen waren auf der Suche nach Nahrung und wanderten in die Städte, die sie auch kaum ernähren konnten.

 Es bestand im Innern des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ eine Machtkonkurrenz zwischen Kaiser und Fürsten.
Und vor den Toren des Kaiserreiches erstarkte das Reich der Türken, die 1453 Konstantinopel erobert hatten und später bis vor Wien kommen sollten.

Da ist es kein Wunder, dass sich in der Bevölkerung Unsicherheit und Angst ausbreiteten. Die Umbrüche und Entwicklungen fanden nicht zuletzt im Glauben ihren Niederschlag: Buße war angesagt. Es zogen Prediger durch das Land, die das Weltende vorhersagten, und auch die katholische Kirche verlangte Buße, nicht zuletzt auch im Ablass. Auch Luthers Frage war: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?

 

Gemeinsamkeiten über Jahrhunderte hinweg.
Parallelen zur heutigen Zeit, in der auch viele verunsichert sind und nach einfachen Lösungen suchen, springen geradezu ins Auge: Viele Menschen haben Angst vor dem sozialen Abstieg oder haben diesen erlebt. Das Bündnis von Europa hat in den Augen vieler an Überzeugungskraft verloren. Und die Migrationsbewegungen stellen uns vor große Aufgaben und erzeugen weitere Unsicherheit.

 Wie damals ist unsere Angst heute eine gesellschaftlich bedingte Angst, auch wenn sie sich heute etwas anders in Sorge vor mangelnder Anerkennung, vor Verlust von kultureller Identität und vor sozialem Abstieg äußert.

Unsere Angst heute ist auch eine soziale Angst vor mangelnder Anerkennung der eigenen Person und des Status in der Gesellschaft (Lebensstandard und Zugehörigkeit). Eine Folge dieses sozialen Ringens ist beispielsweise das Ausüben von Macht durch Mobbing, auch in den sozialen Medien, oder die wachsende Radikalisierung und Gewaltbereitschaft in unserer Gesellschaft. Viele Menschen sind Getriebene, die teilweise bis über ihre Leistungsgrenzen gehen und dann oft krank werden. Alle stehen unter einem enormen Leistungsdruck, auch wenn der sich auf unterschiedliche Weise zeigt.

Luthers grundlegende Erkenntnis
Luther erhielt seine enorme Bedeutung, weil er Kind seiner Zeit war. Er erlebte die Grundauseinandersetzungen seiner Zeit selbst existentiell und fand eine religiöse und theologische Lösung, die große Wirkung entfalten sollte.
Für Luther stellte sich die existentielle Frage so: „Wie werde ich von Gott geliebt und anerkannt?“ In der Auseinandersetzung vor allem mit dem Römerbrief fand er die Antwort, dass kein Mensch sich Gottes Zuwendung oder Liebe verdienen kann, auch nicht durch das frömmste Leben oder das größte soziale Engagement.

 Gott schenkt sie vielmehr aus freier Gnade. Anders gesagt: Gott nimmt jeden einzelnen Menschen an, weil er dies will, nicht, weil wir uns das mit Leistungen erkaufen. Die Taufe war für Luther das äußere Symbol dafür, dass ihm Gottes Gnade gilt.
Wenn ihn Selbstzweifel überkamen, dann schrieb er auf den Tisch „Ich bin getauft“. Das gab ihm Sicherheit.

Und wir?
Ich denke, dass auch für uns die Zusage,
dass wir wertvoll sind, eine große Rolle spielt. Und ich denke auch, dass es für viele Menschen heute heilsam ist, sich von dem großen Leistungsdruck wenigstens in der
Hinsicht zu entlasten, dass ihr Wert nicht an der Leistung hängt. In Unternehmen wie in sozialen Einrichtungen wird immer noch
genug äußerer Leistungsdruck erzeugt. Aber zu wissen, dass der letzte Maßstab Gottes Urteil ist, scheint mir heute außerordentlich
wichtig zu sein.

Vielleicht fragen wir heute eher: „Wie bekomme ich Anerkennung bei den Gleichaltrigen oder eine lebenswerte Umwelt oder
Zuwendung in der Gesellschaft?“ Aber die Antwort, dass unser Wert uns mitgegeben ist und in unserer Person liegt und nicht von
uns verdient oder erarbeitet werden kann, gilt heute wie damals. Und dafür steht Gott. Wir können diesen Wert immer wieder nur im Glauben erfassen, nicht durch eigene Anstrengung (Luther sagt: menschliche Werke) bewirken, so sehr uns das auch immer wieder nahegelegt wird.

Deshalb halte ich Luthers Entdeckung nach wie vor für grundlegend für uns heute. Luthers Erkenntnis, die sein Leben auf neue Füße gestellt hat, gibt uns eine Grundlage für unsere Stellung in unserer Welt. Wir leben von Gottes Liebe. Und Gottes Gnade ist heilsam wie nichts anderes.

Matthias Neuesüß

 

Luther