Mann-mit-Schatten„

 

 

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“

1. Kor. 13,12

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

viele Menschen mit Masken sind in diesen Wochen wieder zu sehen: Prinzessinnen, große und kleine. Sie werfen Bonbons oder fangen sie begeistert. Neben ihnen stehen Vampire mit blutunterlaufenen Augen. Piraten mit Säbel und Augenklappe sitzen im großen Saal neben Indianern und Cowboys. Auf der Bühne hört man Fastnachter mit Dreispitz und bunten Orden Wahrheiten reimen, die vielleicht nur an Fastnacht so ungeschützt und ungeschönt gesagt werden dürfen. Es darf über manche Ernsthaftigkeit gelacht werden, wenn Kostümierte scherzhaft die Herrschaft in den Rathäusern übernehmen. Wer sich einen echten Fastnachter nennt, lacht dabei nicht über das Elend oder die Friedlosigkeit in der Welt, sondern prangert diese gerade schonungslos an. Ein Genuss ist diese Zeit mit ihrem Lachen und den Masken, wenn sie nicht denjenigen zwingt mit zu lachen, dem nicht zum Lachen zumute ist.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin“, schreibt Paulus im Korintherbrief und meint damit, dass das ehrlichste und schönste Bild von uns Gott selbst hat. Es ist eins, das wir selbst noch nicht kennen. Vielleicht ist es gerade deswegen für viele ein solches Vergnügen, sich hin und wieder zu verkleiden: Um neue Bilder von sich selbst auszuprobieren!

 Und an Aschermittwoch ist dann alles vorbei. Die Kostüme verschwinden im Schrank, die Masken liegen obenauf. Es beginnt eine nachdenkliche Zeit, die etwas stiller ist als sonst: In unseren Gottesdiensten fehlen
das „Halleluja“ und die Freudengesänge. Manch einer mag sich zurückziehen oder gar verkriechen.

Ausgelassenes Feiern und Rückzug sind wohl zwei Seiten der gleichen Lebendigkeit: Wer immer nur ausgelassen ist und sich kaum Rückzug gönnt, steht in der Gefahr, oberflächlich oder rastlos zu werden.

Die Passionszeit ist eine Einladung zum Rückzug, zum Blick auf mich selbst und das, was mir Sorgen macht, auf Gelegenheiten, wo ich andere verletzt habe – sie haben mir längst verziehen, aber ich mir selbst nicht. Auch wenn wir uns in der Passionszeit auf die Leidenszeit Jesu besinnen, ist es aber dennoch keine Zeit, die uns niederdrücken oder gar klein machen will. Ziel aller Einkehr und Nachdenklichkeit ist die Erleichterung – Rückzug und Freude sind zwei Seiten der gleichen Lebendigkeit.

 

Einen ehrlichen Blick auf uns selbst können wir in der Passionszeit wagen. Dabei werden wir hoffentlich zunächst gewahr werden, wie vieles uns an uns selbst gefällt. Manches wird auch dabei sein, was wir am liebsten mit einer Maske verdecken würden. Gerade von all dem, was unsere Lebendigkeit
hemmt, was uns rastlos oder schmerzlich einsam sein lässt, will Gott uns befreien. Dazu reißt er uns nicht die Maske herunter, sondern teilt mit uns manches Geheimnis und nimmt uns behutsam ab, was wir selbst kaum loswerden.

So kann die Passionszeit eine behutsam befreiende Zeit sein, wenn wir dem Blick in den Spiegel trauen.

Ihre Monika Christ

Pfarrerin-Christ02

 

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